Russische Musik: Zwischen Tschaikowski und t.A.T.u



Die russische Musik hat sich über die Jahrhunderte verschiedenen Einflüssen ausgesetzt gesehen. Vieles, was aus politischen Gründen ehemals im Untergrund stattfand, wird nun öffentlich gespielt.

Der Einfluss der amerikanischen Pop- und Rockmusik wird heutzutage immer spürbarer. Mehr als anderswo unterliegt die russische Musik der Beobachtung und Zensur durch stattliche Instanzen.

Die russische Seele

Bedeutende russische Komponisten wie Mussorgsky oder Tschaikowski haben die klassische russische Musik bekannt gemacht. Ihre Stimmung unterscheidet sich deutlich von der eines Mozart oder Bach. Landestypische Musikstile sind auch heute bedeutend. Die russische Seele wurzelt tief in der Folklore. Dank regionaler Stile ist die Folklore-Szene sehr lebendig. Sie dient der Identitätsbildung. Die russische Folklore wird durch moderne Folkmusik und in andere Musikstile eingeflossene folkloristische Einflüsse ergänzt. Die in der Sowjet-Ära etablierte staatsgelenkte, seichte russische Unterhaltungsmusik "Estrada" ist heute nur noch bei älteren Russen beliebt. Zu den bekanntesten Musikgruppen, die diesen "Easy-Listening"-Musikstil vertreten, gehört der "Chor der Roten Armee". Junge Russen hören lieber Madonna und Lady Gaga, internationale Rockbands und US-Rapper. In den Diskotheken urbaner Zentren hört man Techno-Musik, die hier "Popsa" genannt wird.



Von der Russen-Folklore zur Undergroundmusik

Wie bei uns auch, grenzt sich die russische Jugend über ihren Musikstil von anderen ab. Die "Popsa" genannte russische Techno-Musik ist auch wirtschaftlich wichtig. Selbst bei uns hat man das marketingmäßig nach westlichen Maßstäben aufgebaute Pop-Duo "t.A.T.u" wahrgenommen. Daneben lebt der russische Schlager mit Anspruch, beispielsweise vertreten durch Michail Schufutinski. Als "Bard" wird ein Musikstil bezeichnet, der unsere Protestsänger/Singer-Songwriter-Tradition entspricht. Beliebt sind "Kleine Leute"-Lieder und Gaunersongs aus dem Volk. Auch der Jazz blieb nicht von politischen Einflüssen verschont. Immer wieder wurde er ins musikalische Abseits katapultiert, um sich später neu zu beleben. Eine russische Jazz-Szene gab es bereits in den Zwanzigern. Heute orientieren sich die Jazzer Russlands an internationalen Musiktrends. Die russische Rockszene war während der "Perestroika" am aktivsten. Heute ist der Russen-Rock kommerzialisierter. Er unterliegt den Zwängen des Musikmarktes. Rockmusik mit russischen Texten wird beispielsweise durch Rockbands wie "Kino", "DDT" oder "Aquarium" vertreten. In urbanen Zentren wie St. Petersburg oder Moskau existiert eine Undergroundszene, die sich kleiner "Clubs" - bei politischer Brisanz gelegentlich auch privater Wohnungen - bedient, um ihre Musik zu Gehör zu bringen. Die musikalische Vielfalt des russischen Undergrounds reicht vom Ska über die traditionelle Klezmer- und Gypsy-Musik, vom politischen Chanson bis zu Varianten der osteuropäischen Folklore. Für die systemkonforme, staatlich dirigierte Estrada-Musik interessieren sich kaum noch junge Russen.